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Der Raupenhaufen

Eine kleine Raupe auf einem Salatblatt aß sich dick und rund und war glücklich. Doch irgendwann wurde sie unzufrieden. Nur essen, nichts als essen. Das leben muss doch noch einen anderen Sinn haben, dachte sie und machte sich auf die Suche...

Unterwegs sah sie viele Raupen, die in eine bestimmte Richtung strebten und schloss sich an. Sie gelangte an einen Berg, der ganz aus Raupen bestand. Die vor ihr machten sich sofort daran, auf den Berg zu klettern, wobei sie über die Köpfe der anderen stiegen und diese auch manchmal dabei nach unten stiessen. "Wohin wollt ihr?", fragte die kleine Raupe. "Nach oben, an die Spitze des Raupenhaufen, "erhielt sie zur Antwort.

Also gab sich die kleine Raupe grosse Mühe, auch an die Spitze zugelangen, wobei sie oft keine Rücksicht auf andere nehmen konnte. " Au, sie stehen auf meinen Kopf, "hörte sie eine Stimme. Sie guckte sich um und sah ein kleines Raupenmädchen. "Verzeihung," sagte die kleine Raupe. Aber leider kann ich keine Rücksicht nehmen, ich will nämlich nach oben."

Als das Raupenmädchen nicht antwortete betrachtete die kleine Raupe sie näher und sagte: " Wissen sie was , Sie gefallen mir. Probieren wir es doch zusammen; vielleicht kommen wir dann leichter an die Spitze."

"Ach nein" meinte das Raupenmädchen." "Ich wäre ihnen nur lästig. Nach oben kommt man nur alleine, wenn man unabhängig ist. Ich habe den Mut verloren, ich kehre um." "Schade," dachte die kleine Raupe und machte sich weiter auf den weg. Doch je weiter sie nach oben kam, desto schwieriger wurde es, denn die Raupen an der Spitze waren stark und wollten ihren eroberten Platz behalten.

Da sagten die Raupen in der Umgebung der kleinen Raupe: " Wir müssen uns zusammen tun und die da oben runterschmeissen, sonst kommen wir nicht nach oben." Und sie sammelten alle Kraft und stiessen die obersten runter. Die kleine Raupe war nun an die SPITZE und sagte sich gespannt, was wird mich wohl erwarten?

Aber da war nichts. Nichts war an der Spitze des Raupenhaufen. Enttäuscht und ernüchtert schaute die kleine Raupe sich um. Und sie sah ringsherum viele Raupenhaufen und in jeden kämpften die Raupen, darum an die Spitze zugelangen. Aber die kleine Raupe hatte keine Zeit mehr über den Sinn der Spitze nachzudenken, denn schon taten sich die Raupen unter ihr zusammen und warfen sie mit vereinter Kraft ab. Da lag sie nun gebrochen am Boden ganz unten. Das Raupenmädchen war inzwischen wieder von den Raupenhaufen heruntergestiegen. Beim Abstieg fragte sie viel warum sie an der Spitze wollten. Viele antworten gar nicht, traten ihr höchstens in ihrer Eile auf den Kopf. Manche schwiegen verlegen. "Irgend einen Zweck muss das Leben doch haben," meinte eine. Eine bessere Antwort hatte keine. Die kleine Raupendame wollte ihr Leben einen besseren Sinn geben. Sie stieg ganz nach unten, dachte lange nach, zog sich ganz in sich zurück, verwandelte sich und war ein wunderbarer SCHMETTERLING....

... und als die kleine Raupe nach langer Ruhe endlich ein wunderschöner Schmetterling war, schwang er sich in die Lüfte und liess sich durch die kühle Morgenbrise dem Sonnenlicht entgegen tragen.

Als erstes flog er zu dem Haufen der Raupen, um zu sehen, was aus den anderen geworden war. Noch immer kraxelten die armen Kleinen bergan und eine Regierungsdynastie stürzte die andere. Noch immer versanken zahllose Raupen tot oder verletzt im Inneren des Hügels oder rollten entkräftet und von vielen Füssen getreten den Abhang hinab. Die Raupen begannen dem schönen Schmetterling recht leid zu tun, doch wusste er nicht, wie man den armen Geschöpfen helfen konnte. Der Schmetterling blickte sich um. Ausser ihm flogen noch einige buntschillernde Insekten herum, aber es waren so entsetzlich wenige und so weit entfernt, dass kaum einmal einer den Weg des anderen kreuzte. Der kleine Schmetterling wunderte sich. Konnte sich denn nicht jede Raupe verwandeln? Oder wollten sich nicht alle Raupen verwandeln? Plötzlich flog in einiger Entfernung ein behäbiger Maikäfer vorbei. Als er den jungen Schmetterling erblickte, drehte er bei und grüsste freundlich.

"Hallo", sagte der Maikäfer, "wie schön, in den Weiten dieser Lüfte einmal jemanden zu treffen. Wie geht es dir?" - "Gut", entgegnete der Schmetterling, "aber ich bin erst seit kurzem hier über den Haufen und verstehe noch nicht alles. Warum quälen sich diese armen Raupen so ab, etwas zu erreichen, das keinen Sinn macht? Weshalb ziehen sich nicht alle in sich selbst zurück, lernen etwas über ihre eigene Natur? Nur so können sie sich verwandeln." - "Das ist richtig", sagte der Maikäfer. "Siehst du: viele Raupen wollen sich diese Mühe einfach nicht machen. Ich selbst habe volle vier Jahre gebraucht, ehe ich zu dem wurde, was ich bin. Es war eine harte Zeit, denn ich war ganz allein. Aber ein Grossteil der Raupen weiss auch gar nicht, was sie aus sich machen können. Sie leben ständig im Inneren des grossen Haufens, sehen nie den Himmel und wissen nichts über geflügelte Insekten, wie wir es sind. Da sie ständig kämpfen müssen, um nicht UNTERZUGEHEN, haben sie keine Zeit, IN SICH ZU GEHEN. Ausserdem fürchten sie, von anderen ausgelacht, diskriminiert und links liegen gelassen zu werden. Die wenigsten können den Preis, den sie für ihre Mühe erringen könnten, richtig einschätzen ... sie haben mehr Angst vor der Einsamkeit."

Der kleine Schmetterling kratzte sich am Kopf. Was der alte Maikäfer da sagte, war sicherlich richtig. Was war da zu tun? Wenn die meisten Raupen doch nicht wussten, dass man ein Schmetterling werden konnte, dann musste jemand hingehen und es ihnen erzählen. Wenn einige Angst vor den Konsequenzen ihrer Verwandlung hatten, musste jemand sie an der Hand nehmen, und ihnen Mut zusprechen!

Der kleine Schmetterling strahlte. Das war doch endlich eine richtige Aufgabe! Er verabschiedete sich geschwind vom Maikäfer und liess sich auf dem Hügel der kämpfenden Raupen nieder. Fast wollte ihm das Gedränge den Atem benehmen, doch immer, wenn der kleine Schmetterling zertreten zu werden glaubte, schwang er schnell seine bunten Flügel und erhob sich in die Luft. Auf diese Weise konnte er an jede Stelle des Hügels gelangen, und überall wo er landete, informierte er seine Zuhörer über das Wunder der inneren Wandlung.

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