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Der kleine Irrtum

Es war einmal ein kleiner Irrtum. Dieser lebte fröhlich vor sich hin, bis auf einmal, er vom grossen Eifer entdeckt wurde, und von seinem Platz verstossen wurde. Da war der kleine Irrtum nun – heimatlos – in der Kälte des Wirkungslosen. So also machte sich der kleine Irrtum wieder auf, um eine neue Bleibe zu finden, wo er so sein durfte, wie er war. Zuerst kam er zum Reichtum, klopfte höflich bei ihm, und fragte: „Ich weiss nicht, wer du bist, aber könnte ich vielleicht bei dir bleiben? Ich bin der kleine Irrtum, und möchte dein Freund werden!“ Der Reichtum aber stiess ihn mit seiner grossen Kraft weg, und sagte: „Scher dich bloss zum Teufel – du bringst mich noch zum Bankrott!“

Da ging der kleine Irrtum traurig seines Weges weiter. Nach einer Weile kam er zur Weisheit und sprach erneut: „Hallo, ich weiss nicht wer du bist, aber ich bin der kleine Irrtum, und möchte gern dein Freund werden, darf ich bei dir bleiben?“ Die Weisheit stiess den kleinen Irrtum mit einer stolzen Handbewegung von sich und sagte: „Was fällt dir ein, an das Tor der Weisheit zu klopfen – gehe von dannen – du bringst mich noch um meine Allgemeingültigkeit!“

Traurig ging der kleine Irrtum weiter. Lange irrte er, bis er zur Gutmütigkeit kam. Zaghafter als die beiden anderen Male, klopfte er nun wieder an ihre Tür und sagte: „Ich bin der kleine Irrtum, dürfte ich vielleicht eine kleine Weile bei dir bleiben? Ich weiss sonst nicht woanders hin.“. Da schubste die Gutmütigkeit den kleinen Irrtum sanft zurück und sprach: „Lieber kleiner Irrtum – Nein, bei mir kannst du nicht bleiben – am Ende bescherst du mir noch ein ungeahntes schlechtes Gewissen. Aber gehe zur Liebe, nicht weit von mir, nach Norden. Die wird dir helfen“.

Der kleine Irrtum war zwar wieder vertröstet von der Antwort der Gutmütigkeit, aber er dankte ihr für ihren Rat. Es war gar nicht mehr leicht zur Liebe zu finden. Auf seinem Weg dahin begegnete er den Liebeskummer, welcher bitterlich weinte. „Was hast du?“, fragte der kleine Irrtum. „Ich wurde von der Liebe verstossen!“, antwortete der Liebeskummer. Das tut mir leid – darf ich vielleicht bei dir bleiben? Ich bin der kleine Irrtum.“, sagte der kleine Irrtum. „Nichts gegen dich, mein Freund – aber ich will nur die Liebe bei mir haben – ansonsten will ich nur alleine gelassen werden. Ich wünsch dir noch Glück auf deinem Lebensweg.“, sagte der Liebeskummer, und verhallte in der Ferne.

Auch begegnete der kleine Irrtum dem Tod, und fragte: „Wohin gehst du, und wer bist du? Ich würde dir gern folgen – ich bin der kleine Irrtum – darf ich?“ Der Tod antwortete krächzend: „Ich, mein lieber kleiner Irrtum, bin der Tod, und komme gerade von der Liebe. Sie hat mich fortgejagt – wieder einmal – denn sie wird ständig durch das Leben erneuert, und das Leben wird ständig durch sie erneuert. Es ist ein Vergebliches, sich mit ihr abzugeben. Deswegen gehe ich gerade zum Hass – er wird mir helfen zu wirken. Er hat mich noch nie verstossen.“ „Au ja - darf ich auch mitkommen?“, fragte der kleine Irrtum mit grossen Augen. „Nein, sonst verscheucht mich der Hass, weil er befürchtet, durch dich unbegründet werden zu können.“, antwortete der Tod.

Der kleine Irrtum war nun sehr traurig geworden. Noch mehr aber hatte er Angst bekommen von der Liebe, und hatte sein Vorhaben fast schon aufgeben wollen – wenn er da nicht dauernd an die Worte der Gutmütigkeit gedacht hätte. Endlich erblickte er das schöne Häuschen der Liebe. Viele waren versammelt um die Liebe. Mitleid war gleich zur Rechten der Liebe. Zärtlichkeit schmiegte sich an die linke Brust der Liebe. Umtanzt aber wurde die Liebe von der Schönheit. Selbst das Alter war ein Freund der Liebe. Und noch viele andere waren dort, welche aber der kleine Irrtum nicht mehr kannte. Er fasste noch schnell Mut zusammen, und ging zur Tür hinein – denn er wusste, dass man sein Klopfen sicher nicht gehört hätte. Der Gesang der Anmut verstummte, und jeder schaute auf den kleinen Irrtum, was er bei der Liebe zu suchen habe.

Er aber sprach: „Ich bin der kleine Irrtum, ich werde euch sicher keine Schwierigkeiten machen – feiert nur weiter – ich würde nur gerne da bleiben. Lasst euch von mir nicht stören. Darf ich, Liebe?“ Die Liebe aber sprach: „Mein lieber kleiner Junge. Du bist nicht der erste kleine Irrtum. Ach, weisst du nicht wie schwer es ist, mit dir zu sein? Wegen dir wird die Anmut zur Scham. Wegen dir wird die Selbstlosigkeit zur Vergeltung. Wegen dir wird das Alter zur Vergeblichkeit. Das Leben wird durch dich zur Ungewissheit. Die Schönheit wird durch dich zur Eitelkeit. Und ich, ach ich Arme – mich bringst du in die Fänge des Hasses. Willst du das etwa?“ „Nein.“, sagte der kleine Irrtum traurig, und mit laufender Nase – und ging entmutigt aus dem Häuschen.

Nicht fern davon, wartete es auf sein Verwirken. Es war ihm schon sehr kalt, und so dachte er, dass das Verwirken nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Dann aber sah er in der Ferne noch ein kleines Hauslicht. Er reibte seine durchweinten und angeröteten Augen – aber es war wirklich. Kein Trug.

Der kleine Irrtum hatte zwar schon jeden Mut verloren, aber neugierig war er schon, denn von dem Häuschen hatte er weder von anderen bisher gehört – noch wusste er selbst was davon. Das Häuschen war aber weiter weg, als es den Anschein hatte, und der kleine Irrtum musste sehr lange in der eisigen Kälte wandern – durch den Wald der Unbestimmtheit – durch den Fluss des Vergessens – bis er ermüdet und bis auf die Knochen gefroren, beim Häuschen ankam. Es schien keiner da zu sein, aber es brannte Licht. Kurz dachte der kleine Irrtum, er hätte nun sein eigenes Häuschen gefunden – aber dann sah er Schatten, und er beschloss zu klopfen.

Komm rein, wenn du willst.“, kam es von einer Stimme, hinter der Tür. Vorsichtig öffnete der kleine Irrtum die quietschende Holztür, und eine liebevolle Gestalt füllte den Raum. Um ihr herum aber waren viele andere Gestalten, die sich an sie schmiegten.

„Ich bin der kleine Irrtum.  Und ich war schon bei so vielen Leuten, aber bei niemandem darf ich bleiben. Ich wollt eigentlich auch nur wissen, wer du bist – und dann geh ich wieder, und wart’ auf mein Verwirken.“, sagte der kleine Irrtum traurig. Die liebevolle Gestalt erwiderte aber: „Ach was – bleib doch. Du störst hier niemanden.“ „Ach ja ? Wer bist du denn?“, fragte der kleine Irrtum nun bestimmter.

„Ich bin die Genügsamkeit – du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich tu keinem was, und keiner kann mir was tun. Komm in meine Arme.“, sagte die liebevolle Gestalt nett.

Und der kleine Irrtum tappte auf sie zu und gab sich ihrer warmen Umarmung hin. Und unter den vielen Gestalten, die da noch waren, sah er kurz das Gesicht von einer kindlichen Gestalt: es war die Lebensfreude.

(Philo - Geschichte v. Edmond)

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